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Erste Standortbestimmung

Copyright: Christian Habel

Mit der Trampolin-EM in Portimao (POR, 8.-12. April) steht für Turnsport Austria das erste Jahres-Highlight an. Sportdirektor Fabian Leimlehner spricht im Interview mit der Turnsport-Austria-Redaktion über die EM-Chancen von Olympia-Hoffnungsträger Benny Wizani und wagt einen Ausblick auf die weiteren Jahres-Highlights sowie den Start der Olympia-Qualifikation.

Fabian, wir haben mit acht Männern, jeweils vier in der Junioren- bzw. in der Elite-Klasse, ein quantitativ sehr starkes Team in Portugal am Start. Was darf man sich von dem Team sportlich erwarten?

Fabian Leimlehner: „Im Vorjahr haben wir uns die Zeit genommen, in allen Disziplinen an neuen Übungen und Schwierigkeiten zu arbeiten, um uns für die nächsten Jahre wettkampfmäßig noch fitter, sprich konkurrenzfähiger, zu machen. Da war mitunter auch bei Großereignissen Platz für größere Risikobereitschaft und das ein oder andere Experiment. Das Jahr 2026 steht jetzt im Zeichen der Bestandsaufnahme bzw. Standortbestimmung. Wir werden uns ganz genau anschauen, ob wir für die bevorstehende Olympia-Qualifikation auf Kurs liegen, um– wenn nötig – auch noch an einigen Stellschrauben drehen zu können.“

Konkret gesprochen heißt das?

Leimlehner: „Benny kommt von einer langen Verletzungspause zurück. Die EM ist - nach der WM im November in Pamplona - erst sein zweiter Wettkampf auf höchstem Niveau seit der überstandenen Knie-Operation. Ein Semifinalplatz im Einzel ist eine realistische Vorgabe, wenn’s top läuft, kann er natürlich auch ins Finale kommen. Gemessen an seinen Fähigkeiten und seinem Talent, müsste Benny eigentlich immer ins Achter-Finale kommen. Er war im Einzel schon EM-Vierter und WM-Sechster. Aber man muss ihm nach dem Kreuzbandriss ausreichend Zeit geben, um sich Schritt für Schritt ans alte Niveau herantasten zu können. Die Hauptsache: Benny soll gesund bleiben, keine weitere Verletzung riskieren. Bei der EM kann er überraschen, Saisonhöhepunkt bleibt die WM im November in China – da dürfen wir ihn in Bestform erwarten. Spätestens dann werden wir auch nicht mehr groß über das Comeback und das operierte Kreuzband nachdenken müssen. Zurück zu Portimao: Jede Finalplatzierung wäre top, das gilt nicht nur fürs Einzel, sondern auch für den Synchron-Bewerb bzw. fürs Team. Wichtiger erscheint mir zum jetzigen Zeitpunkt, dass möglichst alle acht Starter ihr aktuelles Leistungsvermögen abrufen können. Bei den Junioren feiern drei Youngsters ihre EM-Premiere, nur Finn Markovsky war schon im Vorjahr mit dabei. Ich bin überzeugt, dass wir eine gute Figur machen werden.“

Heuer läuft auch schon die Olympia-Qualifikation an, auch wenn es für Turnsport Austria erst 2027 richtig ernst wird. Welche Vorgaben und Erwartungen gibt’s da von deiner Seite als Sportdirektor?

Leimlehner: „Wir wollen als Team wachsen: In Tokio 2021 hatten wir eine Olympia-Starterin, in Paris 2024 mit Turnerin Charlize Mörz und Trampolinspringer Benny Wizani zwei. Bei den Spielen 2028 in Los Angeles sollen es im Idealfall schon vier Turnsport-Austria-Teilnehmer sein. Benny gilt für uns im Trampolinspringen als Athlet, der alle notwendigen Voraussetzungen für eine Teilnahme mitbringt, auch wenn es – wie schon in Paris - nur 16 Olympia-Startplätze gibt.“

Das nächste Großevent, nach der Trampolin-EM, wird Ende Mai die EM in der Rhythmischen Gymnastik in Varna (BUL) sein. Da wird eine Olympia-Qualifikation wohl noch zu früh kommen, oder?

Leimlehner: „In der Rhythmischen Gymnastik haben wir letztes Jahr einen Neustart bzw. eine große Umstrukturierung begonnen. Dieser Aufbau braucht Zeit. Es ist schön zu sehen, dass die neuformierte Gruppe zuletzt beim Weltcup schon ein paar namhaftere Nationen hinter sich lassen konnte. Allzu große Sprünge darf man sich – was die Resultate betrifft – heuer wohl noch nicht erwarten. So ehrlich muss man sein. Da braucht es Geduld, denken wir nicht vorrangig an Los Angeles 2028, sondern eher schon in Richtung 2032.“

Stichwort Los Angeles: 12 der 13 Olympia-Kader-Athlet:innen finden sich im Bereich Kunstturnen. Mit Jahreswechsel wurden zwei neue Nationaltrainer etabliert – Lara Van Dyck bei den Damen, Michael Fussenegger bei den Herren.  Am 10. April werden es für beide 100 Tage im neuen Amt sein. Welchen ersten Eindruck hast du von den beiden?

Leimlehner: „Der Wechsel von Michael Fussenegger war seit längerem geplant und wurde vom langjährigen Nationaltrainer Petr Koudela bestens vorbereitet. Michael ist – als ehemaliger Spitzenturner - nicht nur fachlich ein Top-Mann, sondern er bringt auch das Gefühl mit, in heiklen Situationen die richtigen Worte zu finden. Neu ist, dass wir ab sofort für alle Nationalkader-Athleten ähnliche Trainingsinhalte definieren. Rund 10 Tage pro Monat trainiert der gesamte Kader am Bundesstützpunkt in Innsbruck. Damit soll der Wettkampf untereinander angestachelt werden. Konkurrenz belebt das Geschäft. Wir schauen neben der Anpassung der Trainingsinhalte auch verstärkt darauf, dass wir die individuellen Fehlerquoten schrittweise reduzieren. Je größer die Hit-Ratio von fehlerlosen Übungen im Training, desto besser wird auch die Erfolgsquote im Wettkampf sein, wenn’s dann um die Olympia-Qualifikation bzw. EM- und WM-Top-Platzierungen geht. Wir arbeiten sehr viel mit statistischen Daten, die helfen uns, die Konstanz zu kontrollieren bzw. laufend nach oben zu schrauben. Die Stimmung im Team ist aktuell top. Die erste große Standortbestimmung wird’s im August in Zagreb geben.“

Wie hat sich die Belgierin Lara Van Dyck in den ersten 100 Tagen eingelebt?

Leimlehner: „Im Unterschied zu Michael (Fussenegger), braucht Lara natürlich mehr Zeit, um sich an die österreichischen Verhältnisse zu gewöhnen. Das beginnt beim Sprachlichen. Lara versteht jedes Wort Deutsch, das heißt wir können jedes Meeting in Deutsch abhalten. Aber sie gibt aktuell noch englische Anweisungen. Der enge Austausch mit den Sportlerinnen ist Teil ihres Coaching-Stils. Lara setzt auf intrinsische Motivation – d.h. jede Sportlerin soll – trotz hoher Leistungsstandards – auch Spaß am Training haben. Mittlerweile hatten wir die ersten Lehrgänge mit dem gesamten Team. Das Feedback aller Beteiligten nach den ersten drei Monaten fällt sehr gut aus. Die Leistungen der Kader-Athletinnen im Training sind vielversprechend. Es weht ein frischer Wind am Bundesstützpunkt Linz, das ist unverkennbar. Erste Hürde wird die erfolgreiche WM-Qualifikation sein. D.h. wir müssen unter die Top-12-Teams in Europa und wir tun alles, um dieses Ziel zu erreichen.“


07/04/26

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